Dienstag, 24. Juli 2007

Nachglanz

 


 

Vor ein paar Jahren ist der Schriftsteller Peter Handke sehr in die Kritik geraten, weil er in einem Reisebericht seine Sympathie für Serbien offenbart hatte. Unter den Beschimpfungen seiner Kritiker war damals eine, die ihm nicht nur seine unkritische Haltung der Milosevic-Regierung gegenüber zum Vorwurf machte, sondern auch die Tatsache, daß er sich in Serbien einmal auf der Straße die Schuhe hatte putzen lassen. Das war als politisch unkorrekter Akt beanstandet worden. Erschwerend kam hinzu, daß er außerdem dann auch noch das angenehme Gefühl beschrieben hatte, wie er mit ansehen konnte, daß diese geputzten Schuhe noch tagelang nachglänzten, selbst unter dem Staub, der sich beim Wandern auf die Schuhe gelegt hatte.

Mir hat sich dieses Bild der unter dem Staub glänzenden Schuhe damals sehr eingeprägt. Es beschreibt ja einen allgemeinen menschlichen Sachverhalt, das Aufleuchten der Reste einer alten Ordnung, die von der neuen Unordnung verdrängt wird, aber doch nicht ganz ausgelöscht werden kann.

Heute morgen nun habe ich das Bild neu gesehen, als ich nämlich meine in Istanbul geputzten und mittlerweile mehrfach getragenen braunen Schuhe in den Schrank räumte. Der Glanz war noch da, wenn auch unter einer erkennbaren Schicht neuen Schmutzes.

Ich habe mich darüber gefreut, Handke hat mir den Blick dafür geschärft.

Samstag, 21. Juli 2007

Heimatglanz

 


Hier ein 30 Sekunden langes Video, am Samstag nach unserer Rückkehr in unserem Garten aufgenommen. Es soll zeigen, warum wir es auch zu Hause schön finden, und unserer Tochter Tina, die vorgestern für ein halbes Jahr nach Santiago de Chile abgeflogen ist, ein wenig Heimat hinüberbringen.

 


Sieben Thesen über das Schreiben eines Blogs

 



1.) Man schreibt keinen Blog, um weltweit von unzähligen Menschen gelesen zu werden. Man läßt es sich an den freundlichen Redaktion der Kinder und einiger Freunde genügen und zählt sein Publikum an den Fingern von zwei Händen. Man rechnet auch nicht mit dem Mann auf der anderen Seite der Erdkugel, der zufällig in den Blog gerät und nun von einer plötzlichen Erleuchtung ergriffen sagt: "Der hat es verstanden!" Nein, man schreibt für einen kleinen Kreis von nüchternen Lesern.

2.) Man schreibt einen Blog wie ein privates Tagebuch, das ja viele Leute ebenfalls so verfassen, daß es jemand lesen soll, später mal. "Ja, so war er!" soll man dann sagen können, und daß "er" lieb war, aber auch ein bißchen verschroben, "vogelig" sagen wir in unserer Familie dazu. Mir ist es beim Schreiben manchmal so gewesen, als hätte ich ein Testament gemacht.

3.) Mit dem Blog wächst Material zusammen, vergleichbar dem eines Malers, der einen Skizzenblock mit sich herumträgt. Alles Erlebte wird daraufhin überprüft, ob es für einen Bericht verwertet werden kann, Informationen werden deshalb sorgfältiger eingeholt als gewöhnlich. So fragt man etwa Menschen, mit denen man ins Gespräch kommt, nach ihren Namen (und schreibt sie sich heimlich in ein Notizbuch). Mit der Kamera geht man näher ran, riskiert mehr.

4.) Das bloße Sammeln ist es an sich schon wert, daß man einen Blog schreibt. Es steigert die Freude des Betrachters, auch darin sicher dem malenden Reisenden vergleichbar. Die Welt wird zur Fundgrube, deren Ertrag man mit anderen teilt.

5.) Daß dem Blogschreiber manche Leute eine gewisse Selbstverliebtheit vorwerfen, darf ihn nicht stören. Mittlerweile schreiben mehrere Millionen auf der ganzen Welt ihren Blog, die können nicht alle von einem grenzenlosen Narzißmus befallen sein, denn der kann nur in einer gewissen Einsamkeit und Isoliertheit gedeihen.

6.) Man sollte Blogs nur so schreiben, da- sie den Leser auch dann interessieren, wenn man sie ihm als kleines Buch in die Hand gibt. Ich habe bei meinen früheren Blogs (über das Jesus-Buch des Papstes und über meine Herzbehandlung nebst Fortsetzungen) am Ende immer auch eine Druckversion hergestellt - vordergründig, weil meine Frau ihre alten Mutter, die kein Internet hat, auch an meinen Erlebnissen teilnehmen lassen will, in Wirklichkeit aber auch, um mit dem gedruckten Heftchen, das sich auf meinem Kopierer im Büro recht schnell herstellen lässt, nochmal die Gesamtheit des Geschriebenen zu überblicken und das Ganze dann auch drei oder vier anderen Leuten in einer etwas nobleren äußeren Form zugänglich zu machen.

7.) Dies alles ist natürlich viel zu lang. Meine Kinder haben mir dezent gesagt, daß man das ja gar nicht alles lesen kann, was ich so schreibe. Ich verspreche, an einer kürzeren Form zu arbeiten!

Griechische Laute

 


Wenn wir morgens vor dem Frühstück einige Bibelworte gelesen haben, wurde immer das hebräische oder griechische Original mit herangezogen. Dabei machte es Maria meist wenig Probleme, das alte Griechisch der Bibel in ihr modernes Griechisch zu übersetzen.

Schwierig war es dagegen, wenn wir Deutschen versuchten, die uns bekannten Worte wie etwa "theos", "agape" oder "dikaiosyne" im Neugriechischen dem Klang nach zu verstehen. Das liegt daran, daß viele Buchstaben heute anders ausgesprochen werden als wir es etwa mit "alpha, beta, gamma, delta" in Mathematik aus dem Altgriechischen gelernt haben.

Aus dem beta β ist ein veta geworden, das gamma γ kann auch jamma heißen, das delta δ wird wie im Englischen gelispelt und klingt wie "thelta", wobei es im Unterschied zum stimmlosen Lispellaut theta θ (wie im englischen "theatre") allerdings stimmhaft gesprochen wird (wie im englichen "than"). Weil es ein echtes d nicht mehr gibt, muß Düsseldorf im Flugplan Ntyssel-ntorf geschrieben werden.

Am verwirrendsten ist die Vielzahl der Laute, die alle als i ausgesprochen werden. Es sind dies

- ι das Iota
- η das Eta / Ita
- υ das Ypsilon
- ει das Epsilon-Iota
- οι das Omikron-Iota

Nicht nur verwirrend ist diese I-erei, auch verniedlichend, denn vieles klingt für deutsche Ohren nach der Verkleinerungsform - wir kaufen Joghurti für Heleni in Atheni, sie macht daraus Tzatziki.

Die Heimat des Odysseus

 




Der schöne Sonnenuntergang über dem Golf von Patras läßt die fernen Inseln im Ionischen Meer klarer hervortreten als am Tag in der hellen Sonne. Wenn man die Leute hier fragt, welche Inseln man denn sieht, bekommt man eine Reihe von falschen Antworten. "Zakinthos!" sagte Pavlos, aber die liegt laut Landkarte viel weiter südlich. "Die Landspitze von Araxos!" sagt Dieter, aber daran zweifle ich ebenfalls, denn wieso erscheint eine Landspitze als Insel?

Ich behaupte: "Kafalonia!" aber auch das ist falsch und eher von meiner Nostalgie bestimmt, einmal den Handlungsort von "Corellis Mandoline" zu sehen, den Drehort des Filmes und am liebsten die in dem Film sehr bezaubernde Penelope Cruz daselbst.

Mehrere Google-Earth-Flüge zu Hause lassen mich die richtige Lösung finden: Ithaka, die sagenumwobene Heimat das Odysseus! Die beiden Teile der Insel sind nur durch einen schmalen Landarm untereinander verbunden und erscheinen mit ihren beiden etwa 500 - 600 m hohen Bergen von weitem wie zwei Inseln.

Aber auch Kefalonia ist von Kaminia aus zu sehen. Der 1628 m hohe Berg Enos auf dem Südteil der Insel erscheint dabei nicht über dem Meer, sondern über der Landspitze von Araxos als dunkle, große Masse. So hoch sind in der Küstenebene von Araxos, wo der auch der kleine Flughafen von Patras liegt, sonst keine Berge.

Übrigens hat "Corellis Mandoline" mit der dramatischen Liebe zwischen einer Griechin und einem italienischen Besatzungsoffizier im Zweiten Weltkrieg einen realen Hintergrund: der im Film geschilderte Konflikt zwischen Deutschen und Italienern führte tatsächlich im September 1943 auf Kefalonia zu einem Massaker an italienischen Soldaten, das in Wirklichkeit sehr viel mehr Tote forderte als im Film.

Der Film von 2001 ist von der Kritik nicht gut aufgenommen worden. Ich liebe ihn aber trotzdem, und zwar wegen der starken, ihrer Heimat verbundenen Penelope Cruz (im Film: Pelagia), deren Augen so schön blitzen können - erst vor Zorn und dann aus Liebe. Den Wechsel erreicht die Musik.

Freitag, 20. Juli 2007

Tavla

 


Mit Dieter habe ich viel Tavla gespielt. Backgammon heißt es im Englischen und auch bei uns, Tavli in Griechenland. Das Spiel ist auf eine sehr schön ausgeglichene Weise von Würfelglück und strategischem Geschick bestimmt. Der Anfänger kann mit Glück ein Spiel gegen einen Fortgeschrittenen gewinnen, das geht etwa wie beim Skat, aber eine Serie von Spielen gewinnt in der Summe doch in aller Regel der Könner.

15 Steine stehen in vier Kolonnen auf 24 Feldern, welche die beiden Spieler in Gegenrichtung gegeneinander durchlaufen müssen. Wer sein „Heimatfeld“ im letzten Viertel erreicht hat, darf seine Steine herausspielen. Einzeln stehende Steine dürfen geschlagen werden und müssen wieder von vorn anfangen, doppelte nicht, sie bilden eine sichere „porta“ (in Griechenland) oder „kapı“ (in der Türkei). Man würfelt mit zwei Würfeln, was dazu führt, daß bei jedem Wurf etwa sechs bis acht unterschiedliche Züge möglich sind, von denen meist nur einer oder zwei Sinn machen.


Dieter gewinnt meistens unsere Serien „bis fünf“. Er spielt ein auf Sicherheit achtendes, solides System, das er geradewegs aus der Bundesbank übernommen haben könnte, für die er im Zivilberuf arbeitet. Ich dagegen spiele eher jugendlich-riskant und hole mir oft eine blutige Nase. Heimlich bin ich aber stolz auf meine Spielweise und genieße Siege und Niederlagen in gleicher Weise. In meiner Erinnerung spielten die Türken, die mir das Spiel damals beigebracht haben, eher so wie ich. Da gehe ich dann also lieber wie Dschingis Khan zur Attacke reitend unter als daß ich mit mündelsicherer Frankfurter Anlagestrategie Punkte mache.

Mittwoch, 18. Juli 2007

Bitte um etwas Geduld

 

Am Dienstag, 17. Juli, sind wir wieder gut in Deutschland gelandet. Ich habe jetzt vor, noch weitere Posts mit Geschichten aus Griechenland zu schreiben, sowie die vorhandenen Posts um einige schöne Fotos zu ergänzen.

Auch ein kurzes Musikvideo (im Post "In Taverna") soll dazu kommen, ich zeige es schon mal hier und rufe dazu den berühmten Vers der griechischen Schlagersängerin Vicky Leandros in Erinnerung. Die zweite und dritte Zeile greifen mit ihrer feinen Reimkunst ans Herz:

Die Bouzouki klang durch die Sommernacht
Du nahmst meine Hand
Ich hab' dich nicht gekannt