Mittwoch, 18. Juli 2007

Großvater Georgos und Georgos, sein Enkel

 




Georgos der Großvater (als Soldat)

 









Die kleine freikirchliche Gemeinde am Ort ist durch die Nachkommen von Marias Vater Georgos geprägt. Dieser "Jorgos", wie man Neugriechisch sagt, wurde um 1910 geboren und lebte bis in die 80er Jahre. Er wurde beim Überqueren der damals neuen Nationalstraße am Rande des Dorfes von einem Auto erfaßt und getötet. Er wurde 76 Jahre alt. Sein Enkel, der zweite Georgos, denn von den Söhnen heißt niemand so, starb nur wenige hundert Meter von der Unfallstelle des Großvaters entfernt auf derselben Schnellstraße. Sein Auto schleuderte mit hoher Geschwindigkeit in eine Betonwand, und Georgos war auf der Stelle tot. Das war im vergangenen Jahr, und der junge Mann war nur 21 Jahre alt.



Georgos der Enkel

 








Sein Tod wirft einen dunklen Schatten über das Leben der Familie und auch über das Leben der Gemeinde. Für die Gemeinde war in seiner Person die Hoffnung begründet gewesen, daß er wie Großvater Georgos und wie Vater Pavlos, der die Gemeinde leitet, sonntags predigt und auch die Orgel spielt, eine Stütze und Säule der Gemeinde werden könnte. Er war auf dem Weg dazu, jeder mochte den hübschen und liebenswürdigen, etwas stillen jungen Mann.

Wenn man mehr über die Umstände seines Todes erfragt, wird deutlich, daß er menschlich gesprochen zu verhindern gewesen wäre, wenn man dem jungen Georgos gelegentlich einmal gepredigt hätte, daß zum Frieden mit Gott auch ein friedliches Verhalten im Straßenverkehr gehört. Er war als ein hitziger Autofahrer bekannt, und nach seinem Tod erinnerte man sich an Fahrten mit ihm, bei dem manchem Beifahrer der Angstschweiß ausgebrochen war.

Ich war ebenfalls ein hitziger Autofahrer und bin es teilweise heute noch. Auch mir hat niemand gepredigt, daß man über die Bibel und den Glauben vielleicht zu einer anderen Fahrweise gelangen könnte. Ich frage mich, ob man nicht aus dem Tod des frommen jungen Mannes Konsequenzen ziehen und anders predigen sollte.

Diese Frage erscheint auch noch von einer anderen Seite her notwendig und sinnvoll zu sein. Die kleine Gemeinde, in der Vater Pavlos mit Treue, Leidenschaft und einer umfassenden Bibelkenntnis predigt, kämpft um ihre Existenz, kämpft gegen das Aussterben und um die finanziellen Grundlagen, ein neues kleines Gebäude für einen Andachtsraum zu finden.

Ich bin seinen insgesamt drei Predigten, die mir in zwei Gottesdiensten von dem neben mir sitzenden freundlichen Deutschgriechen Nikolaus übersetzt wurden, und von denen alle randvoll mit guten Bibelworten und immer mindestens eine Viertelstunde lang waren, mit großer Sympathie gefolgt und habe die brennende Liebe des Predigers für seine Bibel aus nächster Nähe miterleben können.

Nun würde ich trotzdem nicht so predigen wie er, könnte es auch gar nicht, weil ich nicht in der Lage wäre, die unmittelbare Wirkung des Bibeltextes so kraftvoll aufrecht zu erhalten, wie Pavlos es tut. Er liest im Grunde genommen die Bibel vor und wiederholt und unterstreicht das gelesene nur kurz mit seinen eigenen Worten. Das wirkt auf die Zuhörer stark und vollmächtig.

Es läßt aber anderseits konkrete Bezüge zu den kleinen Dingen des Alltags fast völlig aus. Alles wird zu einem großen Drama, in dem es um die Herrschaft Gottes in der Welt, die Anfechtung seiner im Glauben brennenden Gemeinde, die Freude auf seine Wiederkunft geht. Von den alltäglichen Dingen, dem Frieden mit seinem Nächsten, der schwierigen Suche nach Ordnung und Sinn im eigenen Leben ist nicht die Rede - und entsprechend natürlich auch nicht vom Verhalten im Straßenverkehr.

Ich stelle mir vor, daß die rußlanddeutschen Gemeinden ähnliche Predigten hören. In den Gesichtern der beiden jüngeren Söhne meine ich, eine unbeteiligt wirkende Ruhe gesehen zu haben, mit der sie die hundertfach gehörten Worte eher über sich ergehen ließen als sie wirklich mit Überzeugung aufzunehmen. Von den älteren Schwestern hörte ich, daß sie alle mit guten und frommen Männern verheiratet sind - aber im 200 km entfernten Athen, wo die Prediger der dortigen Gemeinden eine etwas stärker weltzugewandte und jugendgemäße Sprache gefunden haben, und wo vielleicht auch das Regiment des starken Vaters nicht mehr zu sehr wirkt.




Pavlos und Sophorinia ("Niza")



 




Es ist schön, Pavlos Gastfreundschaft zu genießen und von seinem Haus, das wie ein einzelnes Gehöft hoch über dem Ort in ausgedehnten, von Pavlos bewirtschafteten Olivenhainen liegt, den Sonnenuntergang über dem Golf zu sehen. Statt des Ouzos, der beim Rest der Familie zum Alltag gehört, stehen bei ihm frische Früchte auf dem Tisch, Kirschen, Nektarinen und kleine süße Birnen.

Es ist eine große, lebendige Familie, sie wird sich gegenseitig helfen, den Tod des Sohnes und Bruders zu überstehen. Aber er fehlt und ist in seinem Fehlen immer wieder gegenwärtig. Man zeigt uns die Hochzeitsbilder der drei hübschen Schwestern. Georgos ist natürlich auf vielen Fotos ebenfalls zu sehen.

Seine Mutter Niza zeigt mir zum Schluß auch Bilder, auf denen er allein zu sehen ist. "Jorgos!" sagt sie mit Tränen in den Augen und zeigt mit dem Zeigefinger nach oben. "Uranos!" im Himmel, da ist er jetzt. Ja, Uranos, wiederhole ich. Uranos.

Lebenskampf in der Leichtigkeit des Seins

 


Die Dusche zwischen den beiden Oleanderbüschen, die Dieter ans Ende der Doppelreihe von Oliven- und Zitronenbäumen gebaut hat, ist ein schönes Symbol für ein Leben, in dem es keine Kälte mehr gibt, sondern nur noch endlose Wärme, und Blumen überall. Im Sommer Griechenlands scheint uns die Natur von morgens bis abends streicheln zu wollen, mit einem warmen Wind vom Meer am Tag und mit seidenweicher Luft am Abend und in der Nacht.

Leider verliert die Natur auch hier ihre grausamen Seiten nicht. Das zeigt sich nachts während des Schlafes, wenn der Kampf der Arten untereinander beginnt. Hier am Ort ist es der Kampf Mücken gegen Menschen, und von der Anzahl der kraterförmigen Einschläge auf meinem Körper her ist es klar, wer diesen Kampf Nacht für Nacht für sich entscheidet.

Die Mücken greifen an wie die Sturzkampfbomber der deutschen Wehrmacht. Wenn man ihr Summen, das in der Nähe des Ohres zu einem bedrohlichen Geräusch anschwillt, zum ersten Mal hört, ist es bereits zu spät. Auf ihrem Weg zum Ohr haben sie meistens schon die Fußgelenke, Unterarme und sensible Bereiche der Hände und Finger systematisch bekämpft. Wenn man durch das Summen am Ohr erwacht ist, vertreibt man den Angreifer mit einem für den eigenen Kopf schmerzhaften Schlag, um dann feststellen zu müssen, daß aufgrund des Juckens, das sich von den bereits zerstochenen Stellen unangenehm meldet, an weiteren Schlaf nicht mehr zu denken ist. Reizunterdrückung ist jetzt an der Reihe.

Ich habe anfangs mit Fenistil, einem Produkt der Novartis Consumer Health GmbH in 81366 München die gereizten Partien zu bestreichen versucht, um mittels dieser Salbe eine etwas stumpfe Hautoberfläche zu erzeugen, die sich wie von selbst gegen den Impuls wehrt, sich fortwährend kratzen zu müssen. Später habe ich dann außerdem noch den Autoschlüssel vom Nachttisch genommen und versucht, mit seiner Hilfe noch einige neue Hautrillen zu erzeugen, in denen das Fenistil dann eine gewisse Tiefenwirkung erzeugen könnte. Später habe ich nur noch den Autoschlüssel benutzt und dann noch, wenn an Schlafen nicht mehr zu denken war, eine für nach der Rasur gedachte Gesichtscreme („beruhigt, repariert, stärkt“) großflächig auf alle juckenden Bereiche aufgetragen. Diese half oft recht gut, denn was einer vom Rasieren gereizten Gesichtshaut hilft, wirkt natürlich auch auf von Mücken angegriffene Fußgelenke.

Das Gemeine an den Angriffen der Mücken ist, daß sie den leichten Schweiß der Menschen ausnutzen um ihre Zielgebiete auch in der Dunkelheit leicht zu finden, und daß der Schweiß wiederum dadurch entsteht, daß man sich aus Angst vor den Mücken nicht traut, ein entblößtes Bein oder einen Arm aus dem Bett hängen zu lassen.

Mein Traum von meinem zukünftigen Leben in Deutschland, den ich immer heftiger und sehnsüchtiger träume, ist der Traum von einem Land, in dem man ungestraft das Bein aus dem Bett hängen lassen darf.

Montag, 16. Juli 2007

An die Achajer

 

Die kleine evangelische Freikirche, die Marias Vater vor vielen Jahren am Ort gegründet hat, trifft sich seit etwa einem Jahr wieder – wie ganz zu Beginn – in einem Zimmer des Hauses der Familie Ntemiris. Die vor etwa 40 Jahren errichtete Kapelle existiert nicht mehr. Das Eigentum daran lag bei einem Mitglied der Gemeinde, und man hatte es versäumt, testamentarische Regelungen zu treffen, um der Gemeinde ihre Rechte auf Dauer zu sichern. So wurde das Grundstück nach einem Erbfall an einen Fremden verkauft, der das Gebäude abreißen ließ. Nun hat Marias Bruder Andreas seine Wohnung aufgegeben und sie der Gemeinde bis auf Weiteres zur Verfügung gestellt. Diese Wohnung wiederum liegt im Haus von Bruder Josef, das hinten auf dem elterlichen Grundstück als Ferienhaus errichtet wurde.

Am gestrigen Sonntag trafen sich etwa 15 Leute hier, und irgendwie hatte man es organisiert, daß ein Übersetzer da war und ich als Bruder aus Germania predigte. Vermutlich war aber die Freude an meinem Orgelspiel auf der kleinen Elektronikorgel größer als die Freude an der Predigt. Maria hatte mich sogleich auch als Organisten eingeteilt, und es stellte sich heraus, daß ich die meisten Lieder kannte und ohne Noten mitspielen konnte. Abends in einem zweiten Gottesdienst haben wir dann fast nur noch gesungen, vom Old Rugged Cross bis When The Saints, alles in Griechisch.



Andreas (Marias Bruder), Alexis (Doktorand aus Patras), Nikolaus (Übersetzer, in der Ausbildung als Steuerberater), Irene (Marias Schwester), ich, Pavlos (Marias Bruder) und Niza, seine Frau


Hier ist, was ich der Gemeinde gesagt habe. Es ist ein wenig staccato geschrieben, damit der Übersetzer, der 21jährige Deutsch-Grieche Nikolaus, in Mannheim geboren, sich leicht einfinden konnte:



Die Bibel hat viele gute Ratschläge, wie man sich in einer konkreten Situation verhalten soll. Auch für meine eigene Situation heute gibt es einen solchen Ratschlag, ein Vorbild. Es kommt von dem Apostel Paulus. Er will eine fremde Gemeinde zum ersten Mal treffen, und er stellt sich deshalb in einem Brief an die Gemeinde erst einmal vor. Er sagt dabei: wenn ich euch besuche, dann möchte ich, daß etwas geschieht, was uns beide erfreut.

Römer 1,11+ 12

11 Denn mich verlangt sehr, euch zu sehen, damit ich euch etwas geistliche Gnadengabe mitteile, um euch zu stärken,
12 das heißt aber, um bei euch mitgetröstet zu werden, ein jeder durch den Glauben, der in dem anderen ist, sowohl euren als meinen.

Paulus benutzt hier im alten Griechisch das Wort „charisma“. Auch eure neugriechische Bibel hat an dieser Stelle dieses Wort. „pneumatika charisma“, das verstehen wir Deutsche auch, denn „pneumatisch“ ist auch bei uns etwas, was mit Geist, mit Luft arbeitet. „charisma“ sagen wir auch.

Welche Fähigkeit steckt in diesem besonderen Charisma, von dem Paulus spricht? Es ist die Gabe, daß wir uns gegenseitig trösten und stärken können, ich durch euren Glauben, ihr durch meinen.

Das ist ein erstaunliches Charisma, weil es eigentlich nach nichts Besonderem aussieht. Wir denken bei Charisma an größere Dinge, an Krankenheilung, an Prophetie, an besondere Gaben zur Führung von Menschen. Aber den anderen im Glauben stärken? Das ist doch eher etwas Alltägliches, oder nicht?

Erstaunlich ist auch, daß Paulus diese eher schlichten Worte am Anfang eines der wichtigsten Bücher der Bibel schreibt. Man weiß, daß viele Erneuerungen in der Christenheit mit dem Römerbrief begonnen haben. Martin Luther hat durch ihn entscheidende Gedanken bekommen, ebenso John Wesley, der Gründer der Methodisten. Paulus könnte also schreiben „Achtung! Ich schreibe Euch jetzt den Römerbrief! Paßt gut auf!“ Aber er sagt erst einmal ganz einfach: Ich komme, um mich an Eurem Glauben zu freuen, und ich hoffe, ihr freut euch an meinem.

Ich will heute dasselbe sagen: ich freue mich an eurem Glauben, freut euch an meinem! Von eurem Glauben weiß ich seit vielen Jahren. Maria hat mir immer wieder von eurer Gemeinde erzählt, hat mir erzählt, wie Marias Vater Georgos Ntemiris vor vielen Jahren angefangen hat, in der Bibel zu lesen, Fragen zu stellen, wie er Jesus gefunden hat und wie er vielen anderen Menschen zum Glauben geholfen hat. Mittlerweile sind seine Enkelkinder erwachsene Leute und viele von ihnen haben seinen Glauben weitergeführt. Ich weiß, daß es pistis / Glaube, elpis / Hoffnung und agape / Liebe bei euch gibt, und ich freue mich daran.

Und ich sage, daß pistis, elpis und agape auch in meinem Herzen leben und im Herzen der Geschwister aus meiner Gemeinde in Remscheid bei Köln. Wir sind etwa 300 Leute in einer Stadt mit 120.000 Einwohnern, das ist nicht viel, aber wir teilen Freude und Leid und sind gemeinsam unterwegs auf dem Weg zu unserem ewigen Vaterhaus. In den letzten Monaten hat uns bekümmert, daß fünf Frauen an Brustkrebs erkrankt sind, darunter zwei Frauen, die kleine Kinder haben. Das macht uns Sorgen, aber wir erleben auch die Kraft Gottes in der Art und Weise, wie uns diese Frauen ein Vorbild in ihrer Hoffnung werden. Und wir erleben die Liebe Gottes auf vielfältige Weise in unserem Leben.

Ich darf euch herzliche Grüße sagen von den Geschwistern in Remscheid, der Pastor weiß, daß ich heute hier predige, und ich werde Grüße von euch mitnehmen, wenn ich darf.

Ich habe gesagt, daß wir Deutsche viele Worte aus der griechischen Bibel verstehen, weil sie auch im Deutschen gebraucht werden – pneuma und charisma etwa. Was ich bei der Vorbereitung neu gelernt habe, in der ich mit Maria und Nikolaus auch die griechische Bibel aufgeschlagen habe, ist die Ähnlichkeit von charisma und charis. Im Deutschen sind es zwei unterschiedliche Worte Gnade / charis und Gabe / charisma, was bei uns nur heißt, daß es jemand gegeben hat. Bei euch ist klarer, daß es durch eine Gnade gegeben ist.

In der ganzen Welt haben die Christen Mühe damit, zu klären, welches Charisma nützlich und notwendig ist, um eine Gemeinde zu bauen. Manche Gemeinden spalten sich darüber. Vielleicht ist es gut, sich daran zu erinnern, daß der so wichtige Römerbrief dieses spezielle charisma, das charisma der Stärkung des Glaubens, an die erste Stelle setzt. Ja, eigentlich kennt der Brief sogar, abgesehen von ein paar kurzen Erwähnungen am Ende, fast nur dieses eine charisma. Laßt es uns ernst und wichtig nehmen und daran arbeiten, daß es unter uns reichlich vorhanden ist. Das ist mein erster Wunsch für euch.


Warum brauchen wir es überhaupt? Nun, die Briefe des Neuen Testamentes reden alle konkret von der Sorge, daß der Glaube kleiner wird, daß Menschen das vergessen, was sie in der ersten Liebe zu Jesus an Glaube, Liebe und Hoffnung gehabt haben und daß die Sorgen der Welt wie Unkraut wachsen zwischen den guten Pflanzen, die Gott in unser Herz gesät hat, und sie am Ende sogar überdecken. Der Glaube ist zunächst einmal etwas von gestern, etwas, was wir in unserer Vergangenheit sehr schön erlebt haben, von dem wir aber morgen nicht wissen, ob es in gleicher Weise hält wie gestern.

Welchen Glauben haben wir morgen? Werden wir Glauben halten, wenn der Doktor mit sorgenvollem Gesicht sagt, „ich habe eine unangenehme Nachricht für Sie“? Werden wir Glauben haben, wenn der Chef sagt, „die Abteilung, in der Sie arbeiten, wird aufgelöst“? Werden wir Glauben haben, wenn wir am Grab eines lieben Menschen stehen und nicht wissen, wie unser Leben jetzt alleine ohne ihn oder sie weitergehen soll?

Die ersten Hirten der jungen Gemeinden haben sich um den Glauben ihrer Menschen gesorgt, so wie der Herr Jesus sich um den Glauben seiner Jünger gesorgt hat.

Lukas 22

31 Simon, Simon! Siehe, der Satan hat euer begehrt, euch zu sichten wie den Weizen.
32 Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du einst zurückgekehrt bist, so stärke deine Brüder!

Von Paulus hören wir, daß es ein einfaches Mittel gibt, den Glauben zu stärken: das Gespräch zwischen dem einen Christen und dem anderen. Ich möchte an dieser Stelle euch Griechen das Kompliment machen, daß bei Euch das Gespräch, der „Dialogos / Dialog“ wie wir auch in Deutsch sagen, sozusagen erfunden worden ist. Oder sagen wir, Sokrates hat als erster das Prinzip des Dialoges so formuliert: es gibt bestimmte Dinge, die Menschen nur unter der Voraussetzung erkennen, daß sie miteinander reden.

Von Sokrates gibt es das Bild der beiden Menschen in der Höhle. Sie sitzen mit dem Rücken zur Öffnung und sehen auf der Innenwand der Höhle die Schatten der Dinge, die sich hinter ihrem Rücken abspielen.

Sie müssen sich herumdrehen und ins Licht sehen, wenn sie die Wahrheit erkennen wollen, das ist klar. Aber wer sagt es ihnen? Sokrates sagt: sie haben nur eine Möglichkeit dazu: den „Dialog“. Sie müssen miteinander reden, nur über das miteinander Reden beginnt der Weg zur Wahrheit.

Manches, was Sokrates gedacht und gesagt hat, ist mit der griechischen Sprache, die ja die Sprache des Neuen Testamentes ist, obwohl sie nicht die Sprache Jesu war, auch in das Denken der Christen eingezogen. Paulus hat Sokrates, der 399 vor Christus gestorben ist, vermutlich gekannt und hat das von ihm übernommen, was richtig war. Und dazu gehört das Prinzip des Dialoges.

Wenn ich euch also noch eine zweiten Sache wünsche, dann den nicht endenden „Dialogos“ untereinander. Vermutlich ist es gar nicht nötig, euch das zu wünschen. Meine Frau sagte, hier im Ort würden sehr viele Dinge beredet, wenn die Menschen im Meer baden. Überall stehen beim Baden kleine Gruppen herum und reden, und wenn man aus dem Wasser kommt, braucht man keine Zeitung mehr zu lesen, man weiß schon alles.

Trotzdem ist es vielleicht eine gute Sache, wenn ihr Euch noch einmal neu ermutigen läßt, auch über Euren Glauben zu reden. Manchmal merkt man es ja erst viel zu spät, wenn im Herzen eines anderen der Glaube kleiner wird erlischt. Das soll nicht sein, redet also über den Glauben miteinander.


Und dann zum Schluß noch einmal: freut euch am Glauben der anderen. Von Maria weiß ich, daß Vater Georgos den Kindern den Sonnenuntergang über dem Golf von Patras zeigte und ihnen sagte, daß die Sonne nicht weggeht, sondern jetzt den Brüdern und Schwerstern hinterm Horizont leuchtet, die weiter weg wohnen, den Deutschen, den Engländern, vielen anderen. Er hat von diesen Geschwistern gewußt, hat sich daran gefreut, daß es sie gab. Freut ihr euch auch!

Ich habe später gelernt, daß es ein englisches Lied gibt, daß genau diesen Gedanken von Vater Georgos erzählt. Es ist ein Abendlied und heißt „Der Tag, den du Gott gegeben hast, geht zu Ende“. Und in der vorletzten Strophe heißt es dann

The sun that bids us rest is waking
Our brethren 'neath the western sky,
And hour by hour fresh lips are making
Thy wondrous doings heard on high.

Die Sonne, die uns sagt, daß wir schlafen sollen,
weckt die Geschwister unter dem westlichen Himmel
und jede Stunde neu machen frische Lippen,
daß deine wunderbaren Taten in der Höhe gehört werden.

Laßt uns mit dem Versprechen auseinandergehen, daß wir in Deutschland, wo die Zeit eine Stunde hinter eurer Zeit herläuft, eine Stunde länger an Gottes Güte denken und Gott loben, und dann sollen es die Engländer tun, und dann die Brasilianer, die Chilenen, die Leute in Alaska, in Japan, Singapur, Vietnam, Indien – bis endlich die Griechen wieder an der Reihe sind, eine Stunde vor uns. Sie alle bilden eine Kette des Lobes, eine Kette des Glaubens. Ich bin froh, daß ich heute ein neues Stück dieser Kette sehen durfte und danke euch dafür.



The day Thou gavest, Lord, is ended,
The darkness falls at Thy behest;
To Thee our morning hymns ascended,
Thy praise shall sanctify our rest.

We thank Thee that Thy church, unsleeping,
While earth rolls onward into light,
Through all the world her watch is keeping,
And rests not now by day or night.

As over each continent and island
The dawn leads on another day,
The voice of prayer is never silent,
Nor dies the strain of praise away.

The sun that bids us rest is waking
Our brethren 'neath the western sky,
And hour by hour fresh lips are making
Thy wondrous doings heard on high.

So be it, Lord; Thy throne shall never
Like earth's proud empires, pass away:
Thy kingdom stands, and grows forever,
Till all Thy creatures own Thy sway.

Samstag, 14. Juli 2007

Im Paradies, mit Hintergrundgeräuschen

 


Urlaubsfotos zeigen uns Landschaften (hier einen Blick vom Kloster Agia Lavra), Leute und uns selbst meist in einem Licht, das ein schier unbegrenztes Glück wiederzugeben scheint. Mag sein, daß die Erinnerung an solche paradiesischen Lebensphasen sogar richtig ist, aber es gibt doch trotzdem einen Unterschied zwischen der erinnerten Zeit und der realen, gegenwärtigen Zeit.



Ich bemerke das immer in Holland an einer bestimmten, mit großen Bäumen bestandenen Stelle am Veerschen Meer. Ich habe dort vor Jahren einmal an einem frühen Morgen ein so schönes Bild fotografiert, daß Judith es sich als Hintergrundbild auf ihren Computer geladen hat. Man sieht das Bild und denkt an Zeiten vergangenen Glücks.

Kommt man dann wieder an dieselbe Stelle, findet man ihre Schönheit zwar unverändert vor, kann sich aber nur in weit geringerem Maß an ihr erfreuen wie an der Schönheit der eigentlich vollkommen gleichen Photographie. Es stören nämlich in der konkreten Gegenwart sowohl die Sorgen des aktuellen Tages, die man im Kopf hat, als auch die inneren Reizungen, die von jedem älteren Körper ausgehen. Im schönen Erinnerungsbild dagegen fehlt das Hintergrundgeräusch, das etwa vom Kopfweh ausgeht, von der gestörten Verdauung, einer Reizung der etwas zu stark der Sonne ausgesetzten Haut. Im Foto ist das alles vollkommen ausgeblendet, im realen Bild nicht.

So ist es nun leider auch mit unseren schönen Bildern aus diesem Urlaub. Sie zeigen nicht, daß Christiane fast während der ganzen Zeit nur humpelnd vorangekommen ist, weil eine bisher nicht eindeutig diagnostizierte Hautkrankheit die Hornhaut ihrer Füße an immer neuen Stellen aufreißen läßt. Das Salzwasser soll helfen, bewirkt aber möglicherweise das Gegenteil. Die Hilflosigkeit verdoppelt die Schmerzen.

Ebenfalls nicht auf den Fotos zu sehen ist, daß die mächtige Hitze mein durch zwei Stents normalerweise gut am Tuckern gehaltenes Herz doch offenbar gelegentlich an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit bringt. Vorgestern Nacht wachte ich schweißgebadet auf und spürte den „Druck auf der Brust“, den jeder Herzpatient kennt und fürchtet. War der Schweiß bereits derjenige, der schlimmeres ankündigt? Nein, Christiane hatte das Fenster geschlossen und die Klimaanlage ausgestellt. Als beides geändert wurde, ging es auch dem Herzen besser.

Aber es bleiben die Füße und das Herz, die uns daran erinnern, daß es trotz paradiesischer Umstände das wahre Paradies auf dieser Erde nicht gibt.

Freitag, 13. Juli 2007

Germanos

 

Wenn man von Patras etwa 30 km weit südlich ins Bergland der Peloponnes fährt, kommt man in das auf einer Höhe von fast 1000 m gelegene schöne Kloster Agia Lavra. Dort wurde am 25. März 1821 eine Sitzung der Stammesführer der Peloponnes abgehalten, in deren Verlauf der Bischof von Patras ganz Griechenland zum Kampf gegen die Türken aufrief und die griechische Fahne segnete. Der bewaffnete Aufruhr war zwar bereits einige Zeit im Gange, aber der Tag von Agia Lavra gilt trotzdem als die Geburtsstunde des modernen griechischen Staates. Der 25. März wird deshalb heute als Nationalfeiertag begangen.


Ich stehe mit gemischten Gefühlen vor der eisernen Statue des Bischofs, der Germanos hieß und von 1771 bis 1826 lebte. Er hat den langen Bart und runden Hut der orthodoxen Popen, deren äußere Würde und deren Autorität ja von anderen christlichen Geistlichen gleich welcher Art kaum je erreicht werden. Auf der Fahne, die er hochhält, steht „Eleftheria E Thanatos“, Freiheit oder Tod. Das hört sich gewaltig an, ist aber eine Alternative, wie ich sie mir von einem kirchlichen Hirten ungern vorlegen lassen würde.

Es war im Ergebnis eine eher wacklige Sache, die Germanos damals betrieb, denn der Tod der einen brachte den anderen nicht unbedingt die Freiheit, die man ihnen verheißungsvoll vor die Augen gehalten hatte. Ein gefährdetes Staatsgebilde mit großem Flüchtlingselend im Inneren und mit einer schwierig aufrecht zu haltenden äußeren Stabilität, die sehr vom Spiel der ausländischen Kräfte abhing - für so etwas wird man nachträglich gesehen nicht gerne zum Sterben geschickt, und vielleicht am wenigsten noch von einem Bischof wie Germanos einer war.

Wenige Kilometer unterhalb von Agia Lavra ist eine weitere Gedenkstätte, deren Geschichte eine Frauenstimme erzählt, die aus einem Lautsprecher über den Platz hallt. Auch hier ist das Wort „Germanos“ häufig zu hören, aber es bezeichnet diesmal die Deutschen, die oberhalb der Stadt Kalavitra im Dezember 1943 mehr als 600 griechische Männer vor einen Berghang trieben und erschossen. Partisanen hatten zuvor etwa 60 deutsche Soldaten bei einem Angriff getötet, und die Deutschen machten hier wie anderswo ihre Ankündigung wahr, man werde solche Angriffe im Verhältnis eins zu zehn vergelten. Grausam ist das Schicksal der Männer, die hier starben, unter ihnen Jungen von nur 12 Jahren, deren Namen auf großen ernsten Betonwänden verzeichnet sind.

Auch mit ihrem Tod verbindet man die Frage, ob er nicht von einem besseren Menschenhirten zu verhindern gewesen wäre. Die Deutschen waren Ende 1943 längst über den Höhepunkt ihrer Macht und auf dem Weg aus Griechenland heraus, nicht unähnlich den Türken von 1821. Welchen Vorteil brachte es, sie mit Partisanenaktionen zu reizen?

Freiheit oder Tod, man wünscht sich, niemals diese Frage gestellt zu bekommen. Helmuth Schmidt hat auf dem Höhepunkt der Abrüstungsdebatte in den 70er Jahren auf die Frage einer Frau, was er denn täte, wenn er vor die Alternative „Rot oder tot?“ gestellt würde, gesagt: „Gnädige Frau, ich habe mein Leben lang dafür gearbeitet, nicht vor diese Alternative gestellt zu werden.“ Das ist ein gutes Wort. Und es ist ein Glück, in Zeiten zu leben, wo es den Politikern möglich ist, danach handeln zu können.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Marias Familie

 


Vater Georgos, gemalt von Sohn Josef











Mutter Evgenia (mit 96 Jahren im vergangenen Jahr in Kaminia gestorben)










Bruder Josef, lebt in Athen, als Maler










Josefs Frau Helene










Ein Bild von Josef (im örtlichen Hotel Poseidon)










Maria, lebt in Neu Isenburg bei Frankfurt










Marias Mann Dieter











Pavlos und seine Frau Niza, leben in Kaminia







(ohne Bild)
Petros, lebt in Deutschland








Andreas, lebt unverheiratet im alten Haus der Familie in Kaminia










Irene, lebt unverheiratet im alten Haus der Familie in Kaminia

Marias Familie (Video)